20
04
2016

Schwitzen bei nur einem Grad

Kaum vorstellbar, dass hier gleich eine größere Gruppe von Personen Frühsport machen soll. Es ist still, keine Menschenseele zu sehen. Weiß überzogen von morgendlicher Kälte erstreckt sich die Karlswiese vor der Orangerie. Noch scheint Kassel nicht zur täglichen Betriebsamkeit erwacht. Kein Wunder, es ist 6.20 Uhr. Doch kaum ist Fitnesstrainerin Hania Lazaar vom Parkplatz neben dem Auedamm herübergekommen, tauchen wie aus dem Nichts nach und nach immer mehr Leute an der Orangerie auf. 06:30 lockt.
Als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, ist der frisch gewalzte Boden an den Treppen vor der Orangerie bald mit Gymnastikmatten und Handtüchern übersät. 30 mehr oder weniger neugierige Menschen sind erschienen, um sich am Fitnesstraining zu beteiligen. Viele von ihnen waren bereits am Tag zuvor in der Goetheanlage dabei. Muskelkater verspüren davon nur wenige.
Pünktlich um 6.30 Uhr stellt Hania Lazaar die Musik lauter und beginnt mit den Übungen. Der 31. Teilnehmer gesellt sich hinzu. Lazaar spornt an, kommuniziert lebhaft mit den Frühsportlern.
„Auf geht’s, nur 20 Sekunden“, motiviert Lazaar bei einer Übung. Aber 20 Sekunden können sehr lang sein, wie das gelegentliche Ächzen und Stöhnen der Trainierenden bezeugt. Die Kälte, es ist nur ein Grad über Null, lässt ihren Atem in weißen Fahnen davonwehen. Viele beginnen zu schwitzen.
Veronika Heine muss kurz unterbrechen. Ihr Hund Asoka ist zum Auto gelaufen. „Wegen der Fieptöne aus dem Musikgerät“, sagt die Baunatalerin. Schade findet sie, dass 06:30 zunächst nur einmal pro Woche an der Orangerie stattfindet. „Ich erreiche diesen Platz von zu Hause aus viel besser als die Goetheanlage.“
Auch für Jens Kuhn passt die Örtlichkeit. „Ich komme aus Wolfhagen, kann danach bei meinen Eltern in Bettenhausen duschen und dann zum Arbeiten ins Büro in der Kasseler Innenstadt gehen“, sagt er. Die neue Trainingsmöglichkeit bei 06:30 schätzt er sehr.
„Ich bin nicht sportlich und bewege mich auch sonst kaum. Zudem bin ich kein Frühaufsteher und kann den inneren Schweinehund kaum überwinden. Aber hier in der Gruppe klappt das“, betont Kuhn. Als einziger der Gruppe absolviert er die Übungen in kurzer Hose.
Nach einer halben Stunde lässt Lazaar die Trainingseinheit ausklingen. Wenige Minuten später ist der Platz leer. Oder zumindest fast. Eine Teilnehmerin ist geblieben. Sie beginnt mit Seilspringen. „Ich habe schon ewig nicht mehr so früh trainiert. Das muss damals in Rumänien im Trainingslager am Strand gewesen sein“, sagt Florina Heßburg. Sie ist ehemalige Profi-Handballerin und trainierte in dieser Saison die Frauen der HSG Lohfelden/Vollmarshausen. Die Sonne beleuchtet nun immerhin schon die Statuen am anderen Ende der Karlswiese. Wärmer geworden ist es nicht. Still ist es immer noch. Vom regelmäßigen, eintönigen Sirren des Sprungseils abgesehen.